Heute kokettiert die Schweiz gerne mit dem Charme der Italianità als Teil ihrer Geschichte. 1970 war das anders. Die Angst vor den fremden Gastarbeitern – vor den Italienern – trieb viele Stimmbürger an die Urne. Frauen hatten damals noch kein Stimmrecht. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren und der Mangel an Arbeitskräften war riesig. So holten die Baubranche, Industrie und das Gastgewerbe Arbeitskräfte aus Italien. Auch in der Baufirma meiner Familie waren viele Italiener beschäftigt. Sie krampften als Saisoniers auf den Baustellen, wohnten über mehrere Monate in einfachen Baracken fernab ihrer Familien. Kamen und gingen Jahr für Jahr. Einige blieben für immer. Mit der Niederlassungsbewilligung konnten sie ihre Familien in die Schweiz holen. Ihre Kinder besuchten mit uns die Schule. Wenn wir heute Wohlstand haben, ist das auch der Verdienst dieser Migrantinnen und Migranten. 

Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland wurde die Schweiz schon ab 1884 mit der ersten Verfassung des Bundesstaates, welche die Handels- und Gewerbefreiheit einführte. Damit begann der wirtschaftliche Aufschwung und der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften. Einer dieser Migranten war auch mein Grossvater. Mit 15 Jahren verliess er mit seinem Bruder sein Heimatdorf in Norditalien Richtung Chur. Er hat auf verschiedenen Baustellen in Graubünden mitgeholfen, unsere Infrastruktur auszubauen. Später hat er als Unternehmer selber Arbeitsplätze geschaffen. Nach einem ersten abgelehnten Gesuch wurden mein Grossvater und seine Kinder schliesslich Schweizer Bürger und Bürgerinnen – überzeugte Schweizer und Schweizerinnen. Seine italienischen Wurzeln blieben aber immer Teil seiner Identität. Auch für viele Einheimische blieb er trotz rotem Pass ein Italiener. Obwohl die Integration für beide Seiten nicht nur einfach ist und die Hürden für die Einbürgerung hoch sind, ist die Integration in der Schweiz bis heute doch recht gut gelungen.

Besonders die Schule, die Arbeit und die politische Partizipation tragen zur Integration bei. Integrierend wirkt die Arbeit, wenn die Fremdarbeiter*innen faire Arbeitsbedingungen und Löhne haben. Von den Migranten selber erwarten
wir im Gegenzug die Bereitschaft zur Integration und die Anerkennung von Recht und Staat. Diese bewährte Balance droht mit der Begrenzungsinitiative aus dem Gleichgewicht zu geraten. Mit der Kündigung der Personenfreizügigkeit fallen auch die Flankierenden Massnahmen weg. Damit drohen Lohn- und Sozialdumping – besonders für die ausländischen, aber auch für inländische Arbeitskräfte. Auch darum braucht es am 27. September ein NEIN zur Begrenzungsinitiative. 

Herzlich

Ihre
Anita Mazzetta

Wenn wir heute Wohlstand haben, ist das auch der Verdienst vieler Migrantinnen und Migranten. 
Anita Mazzetta, Stadtratskandidatin