Für die kantonalen Verwaltungsgebäude, die nach dem Sommer in der Loestrasse frei werden, läuft zurzeit ein Investorenwettbewerb. Der Kanton will das Grundstück in Baurecht abgeben. Die frei werdenden Büroräumlichkeiten befinden sich unter anderem in der alten Frauenschule. Diese wurde zwischen 1880 und 1890 als erste Frauenschule des Kantons gebaut. Etwas später folgte der Loesaal. Ein Jahrhundert lang wurden Frauen in dieser Bildungsstätte unterrichtet. Am Anfang standen die Fächer Handarbeit und Hausarbeit im Zentrum. Die letzten Frauen, die hier ausgebildet wurden, waren angehende Schneiderinnen. Dieses Areal hat viel zu erzählen, Frauengeschichten, ein Stück Sozialgeschichte.    

Das Areal der alten Frauenschule soll nun neu entwickelt, gleichzeitig aber auch erhalten werden.  Der Kanton will den sozialgeschichtlichen Hintergrund der alten Frauenschule bei der Vergabe des Baurechts an Investoren berücksichtigen. Ebenfalls die städtebauliche Bedeutung des Areals und die grosszügige Gartenanlage, die für das Gebiet charakteristisch ist. Das tönt gut. Selbstverständlich hat der Kanton bei der Auswahl der Investoren aber auch wirtschaftliche Gründe im Fokus. Aufhorchen lässt die Erwähnung, dass das Areal verdichtet und eine Tiefgarage gebaut werden kann. 

Der Churer Stadtrat hat zum Glück nicht tatenlos zugeschaut. Er hat vorgesorgt und die alte Frauenschule, d.h. die Gebäude Nr. 26 und 32, provisorisch unter Schutz gestellt. Definitiv entscheidet der Stadtrat aber erst im Rahmen der Aktualisierung des Stadtinventars. Das Areal und verschiedene Einzelbauten sind zudem im Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS). Dort steht unter anderem, dass die Anordnung und Gestalt der Bauten und der Freiräume zu bewahren sind. Auch aus Sicht der kantonalen Denkmalpflege besitzen die drei betroffenen Liegenschaften einen hohen siedlungsgeschichtlichen Wert, sowohl in Bezug auf die Nutzungsgeschichte als auch städtebaulich. Allfällige ergänzende Neubauten dürfen die bestehende Qualität nicht negativ beeinträchtigen.

In die alte Frauenschule kann neues Leben einziehen. Auf dem geschichtsträchtigen Areal könnte eine spannende Mischung zwischen Wohnen, Bildung, Kultur, Gewerbe, Begegnungs- und Grünraum für Jung und Alt, für das Quartier, für die ganze Stadt entstehen. Die Vertreter der Stadt Chur und des Kantons, die im Beurteilungsgremium des Investorenwettbewerbs sitzen, sind in der Verantwortung, diesem sozialgeschichtlichen und städtebaulichen Erbe gerecht zu werden und diese einmalige Chance für ein Projekt der Zukunft zu nutzen. Sie haben es in der Hand.

Herzlich
Ihre Anita Mazzetta